Letzte Änderung: 11.12.01

   Ein Bericht von unserem Ansprechpartner Adolf Lipp, Sonthofen


Die Wolpertinger - Story

Wir waren mit unserem Campingbus hoch oben im wilden Norden Schottlands unterwegs und suchten einen Platz zum Übernachten. Im Campingführer lasen wir von einem "ruhigen, naturbelassenen Platz mit einfacher Ausstattung". Der würde uns genügen. Schon die Anfahrt war abenteuerlich. Von der Teerstraße bogen wir ab auf einen Schotterweg, der nach einiger Zeit in einen schmaleren Feldweg überging. Er führte in einen Wald, der uns nun auf beiden Seiten begleitete. Nach einiger Zeit meinte meine Dorothee, wir seien wohl auf dem Holzweg und riet zur Umkehr. Aber wir schafften es schließlich. Der Wald hörte auf. Wir erreichten eine große, buckelige Wiese mit hohem Gras, die sich den Hang hinaufzog und rundum von Wald eingesäumt war. Oben auf einer kleinen, ebenen Fläche standen die verschiedenen Gebäude der Farm.

 

Links und rechts des Weges waren in einigem Abstand kleine Ovale oder Rechtecke ausgemäht als Stellplätze für die Camper. Irgendwo in der Mitte stand eine kleine, einfache Hütte mit dürftigen Toiletten und Waschgelegenheiten, aber Licht und Wasser waren vorhanden. Ein Stellplatz war schnell gefunden, denn wir waren bis jetzt die einzigen Camper, die sich heute in dieser idyllischen Wildnis eingefunden hatten. Wir wollten auch gleich noch die Platzgebühren bezahlen, damit wir am nächsten Morgen zeitig losfahren konnten. 

 

Der etwas schrullig aussehende Bauer stand im Hof. Ich nannte ihm meine Absichten. Er deutete auf mein Kennzeichen und fragte mich: Wo kommen sie her? Aus Deutschland, antwortete ich. Ja, wo aus Deutschland, wollte er wissen. Aus dem Süden, aus Bayern, sagte ich. Oh, und sein Gesicht bekam einen fragenden, ja lauernden Ausdruck, die buschigen Augenbrauen hoben sich und seine Stimme klang geheimnisvoll, oh, dann kommen sie von da her, wo es WOLPERTINGER gibt. Zuerst glaubte ich an ein Mißverständnis meinerseits. Aber ich hatte doch das Wort Wolpertinger klar und deutlich aus seinem nicht leicht verständlichen Englisch herausgehört. Haben Sie 'Wolpertinger" gesagt?, versicherte ich mich noch mal. Ja, richtig, ich habe Wolpertinger gesagt, und sprach es mit gehobener, eindringlicher Stimme aus. Ich war baff ob dieser Antwort. Ein einfacher Bauer auf einem abgelegenen Hof im wildesten Teil Schottlands wusste über Bayerns geheimnisvollstes Fabelwesen und Rätsel, den Wolpertinger, Bescheid. 

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Der Mann drängte mich ins Haus, nötigte mich hinzusitzen und verwickelte mich in ein intensives Gespräch über den Wolpertinger. Schade, sehr schade, daß ich damals Alfons Schweiggerts Buch "Auf zur Wolpertingerjagd" noch nicht kannte, sonst wären meine Lügengeschichten über die Wolpertinger noch viel umfangreicher, detailgetreuer und geheimnisvoller ausgefallen. Aber mein Gesprächspartner schien sichtlich beeindruckt zu sein. Von Zeit zu Zeit unterbrach er mich durch gezielte Fragen über Aussehen, Lebensgewohnheiten, Aufenthaltsort und Bejagbarkeit. Obwohl ich eine Höhere Schule mit Biologieunterricht besucht, aber nie etwas Gesichertes über die seltsame Gattung der Wolpertinger gehört hatte, konnte ich nur das Wissen einiger Naturfreunde und Jäger unter reichlicher Zuhilfenahme meiner Phantasie vermitteln. Nur über das Paarungsverhalten wußte ich nicht Bescheid, weil es sich menschlicher Beobachtung bisher total entziehen konnte. Nur so viel weiß man, konnte ich versichern, entsteht bei jeder Paarung ein neuer, ganz anders gearteter Wolpertinger, der mit dem elterlichen Aussehen nicht das Geringste zu tun hat. Abschließend versprach ich meinem Gesprächspartner, sollte es je gelingen, Wolpertinger zu fotografieren, so werde ich mich bemühen, solche Bilder zu beschaffen und sie ihm zu schicken. Wir erledigten den finanziellen Teil und ich verabschiedete mich. 

Bis heute bin ich im Zweifel, ob ich sein Wissen um die Existenz des heimlichen bayerischen Wappentieres bereichern konnte oder ob er in diesem Lügenspiel ein guter Partner war und mich ebenso auf den Arm nahm. 

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Bald nach unserer Rückkehr aus Schottland ging ich zu meinem Freund Leo Sch., Fotograf von Beruf, erzählte ihm die Geschichte und bat ihn um Rat und Hilfe. Er schickte mich zum Breitlinger, ein Geschäft für Jagdausrüstung und Waffen. Der hatte einige Prachtexemplare von Wolpertinger in seinem Laden und Schaufenster zum Verkauf stehen. Er stellte mir die schönsten für einen Tag zur Verfügung. Ich packte sie in einen großen Karton, dazu einen großformatigen Kalender mit wunderschönen Bildern von Prachtexemplaren von Wolpertingern, den mir der Geschäftsmann ebenfalls überließ.

Wir drapierten die niedlichen Tierchen im Garten zwischen Farnen, Holzwurzeln und einem Hackstock, der einen Baumstamm vortäuschte. Der Fotograf Leo schoß zahlreiche Bilder von den Wolpertingern auf freier Wildbahn, fast ganz echt. Auch aus dem Kalender wurden einige Exemplare abgelichtet. Leo und ich hatten großen Spaß an dieser Arbeit und so fiel sie zu unserer Zufriedenheit aus. 

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Meinem Wolpertinger- Freund hoch droben in Schottlands Norden schrieb ich einen langen Brief, vergaß dabei nicht zu erwähnen, unter welch schwierigen, ja dramatischen Umständen und glücklichen Zufällen es letztlich doch noch gelang, die beiliegenden Fotos zu machen. Er möge sie als Beweis der Existenz dieses nur in Bayern heimischen Fabelwesens für sich behalten. Touristen aus Deutschland, die außerhalb Bayerns wohnen, werden von der Existenz des Wolpertingers, wie durch echte Fotos dokumentiert, tief beeindruckt sein. 

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Ich habe nie erfahren, ob Brief und Bilder bei meinem Partner angekommen sind. Sollte ich je noch einmal nach Schottland kommen, werde ich einen Umweg in Kauf nehmen, um meinen Wolpertingerfreund zu besuchen.

Dies war unsere Wolpertinger - Story aus einer Fülle schöner Erinnerungen an unseren 
Campingurlaub in Schottland

Copyright by Adolf Lipp vom SeniorNet im Bürgernetz Allgäu e.V.
am Mittwoch, den 28. November 2001, geändert am 11.12.01 17:27
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